Posts Tagged ‘Ergötzlichkeiten’

…Geneigter und Tabac=liebender Leser…

26. Februar 2010

Eo Scheinder - Originelle Köpfe
Ent(en)würfe von Eo Scheinder

Berlin – 25. 2. 2010 – Do

Um an den letzten Beitrag anzuknüpfen und endlich den wunderbar polemischen und streitbaren Text, die Vorrede nämlich  zu Heinrich Ernst  Kestners köstlichen ‘Ergötzlichkeiten vom TABAC’ hier nun reinzustellen – der Gegensatz zwischen den Rauchern und den Nichtrauchern (wie auch die oftmals nur sehr schwach ausgeprägte wechselseitige Wertschätzung ) ist so alt wie … nein, besteht ziemlich von Anfang an, seit es Menschen gibt, die Tabakrauch willentlich und bewußt zu Genußzwecken inhalieren. Für die einen ein Genuß, auf den sie ungern auf länger verzichten, und für die anderen ein regelmäßiges Ärgernis, das ihnen einfach stinkt. Punkt.  Wat dem een sin Uhl, is dem annern sin Nachtigal.  Was für den passionierten Raucher unbeschwerten Genuß, Atmosphäre, ja  ein bestimmtes Lebensgefühl ausdrückt (siehe: Rauchen kann gemütlich sein), etwa wenn man bei eim Besuch irgendwo im Raum einen Aschenbecher erblickt (und gleich ist man angenehm berührt), ist für strikte Nichtraucher der reinste Horror, eine Ungehörigkeit und Verirrung, gegen die mit Nachdruck und allen möglichen passenden oder unpassenden Argumenten gewettert und gegiftet werden muß. Zunächst wird der Genuß als solcher angezweifelt und gleich in die Nähe von Suchtverhalten und Krankheit gerückt und die Raucher als schlimme Luftverpester und rücksichtslose Menschen getadelt. Denen man mit vernünftigen Argumenten klarmachen müsse, daß sie einem ungehörigen Laster anhingen, von dem sie sich doch um der Allgemeinheit und um des lieben Friedens willen endlich lossagen sollten …  Ständig und ungefragt diese Einflußnahmen, ständig muß man sich als Raucher rechtfertigen, weil man (noch) raucht und immer versuchen die sturen Nichtraucher mit ihrer Maulerei den luftigen Gesellen ein schlechtes Gewissen zu machen. Was aber nicht gelingt. Heute nicht und wie man gleich lesen kann damals vor fast 300 Jahren auch nicht.


Geneigter und Tabac=liebender Leser

Da ich ohnlängst meiner vertrauten Tobacs=Compagnie, in welcher ich täglich zu sein pflege / beywohnte / brachte einer dieses / der andere jenes zur Unterredung vor / damit die Zeit bei Loßbrennung deren Pfeiffen den Abend hindurch vergnüget zuruck geleget würde. Unversehens erkühnte sich einer unserer Gesellschaft / welcher/ nach Tabacs=Stylo zu reden / ganz trocken am Tische sasse / und keinen Tabac schmauchte / die Würde und Herrlichkeit unses edlen Krauts / nebst seinem vornehmen Erfinder / Johann Nicot, verächtlich zu halten / ja gänzlich zu vernichten. Er brachte / nebst andern verschiedenen Beweiß=Gründen / seinen Satz zu behaupten / auch diesen vor / weil nemlich so vieles Unglück dadurch geschehen; weßwegen auch der Caar in Moscau und der König von Ceylon gedrungen worden / desselben Gebrauch ihren Unterthanen bei Lebens=Straffe zu verbieten; weil so viel Menschen sich dadurch entweder jähen und frühzeitigen Tod über den Hals gezogen / oder doch bei der vernünftigen Welt verächtlich gemacht hätten. Doch alle seine so genannte Argumente waren von solcher Schwäche / daß sie auch fast von sich selbst hinzufallen schienen. Der Mißbrauch einer Sache hebet deswegen den Gebrauch nicht auf / viel weniger kann man schliessen / wenn ein Mensch durch den NB. unmässigen Gebrauch frühzeitig gestorben ist / dass just alle Menschen / wenn sie sich derselben mässig bedienen / davon sterben müssen. Der Wein / und alle andere Göttliche Gaben / welche er zu des Menschen Nutzen darreichet / können / wenn sie von ihm unmäßig gebrauchet werden / sein stärckestes Gifft / da sie / mässig von ihm genossen / zu seiner Artzney so wol als seinem grösten Nutzen dienlich seyn. Es bleibet auch dabei / wie jedwede Sache seine Verächter so wol als seine Liebhaber hat / so nehme ich auch den Tabac nicht aus / indem sich Leute von beyderley Geschlechtern finden / welche denselben so hoch erheben / als andere im Gegentheil verachten. Und wenn wird der gebohren werden / der alle seine Thaten nach jedes Menschen wunderlichen Humeur einrichten kann ?  Ich gestehe ganz gerne / daß ich denen unnützlichen Verschwendern des Tabaks / welche die Pfeiffe den ganzen Tag über nicht ruhen / viel weniger aus dem Mund kommen lassen / hierdurch das Wort gar nicht rede / doch sähe ich auch ungern / wenn dem so edlen / nützlichen Heil=Kraut seine grosse Zierde und herrliche Würckungen streitig gemacht würde. Derowegen habe ich mich / auff Bitte meiner sämtlichen Compagnie, bewegen lassen / durch diese dem geneigten und Tabac=liebenden Leser vorgelegte Ergötzlichkeiten denen Verächtern unserer Nicotianæ das Maul zu stopffen. Ich nenne sie (und zwar billig  / Ergötzlichkeiten / weil ernsthafte / mit scherzenden Gedancken vermischet darinnen gefunden werden. Ich werde anfänglich von dem Ursprung / denen vielerlei Arten und Würckungen des Tabacs reden / nachgehends dessen Recht durch eine Lateinisch=gehaltene und nun übersetzte Disputation beweisen / zuletzt aber verschiedene berühmter Männer in gebundener und ungebundenr Rede hinterlassene Gedancken über den Tabak / nebst denen Regeln einer geschlossenen Tabacs=Compagnie mittheilen. Der geneigte Leser gebrauche sich dessen / was ich ihm zu Gefallen zusammen getragen / zu seiner Vergnügung / erwarte auch von mir bei Zeit und Gelegenheit eben dergleichen Ergötzlichkeiten vom Thee, Coffe und Chocolate. Denen sauersehenden Gemüthern aber / sie seyen gleich männlich oder weiblichen Geschlechts / welche nicht nur den Tabac mit unaufhörlichem Hassen verfolgen / sondern auch die jenigen / so sich dessen bedienen / wo es möglich wäre / mit jenem zugleich aus der Welt zu verbannen trachten / deute ich hierdurch an / dass ich mit ihnen nichts zu schaffen / viel weniger diese Ergötzlichkeiten vor sie geschrieben habe / oder mich über ihr unzeitiges Urtheil / so sie von diesem Büchlein haben möchten / betrüben werde. Vielmehr rufe ich ihnen mit Apelle zu: NE SUTOR ULTRA CREPITAM:  Schuster (gehe nicht über deinen Leisten / oder Verstand / nebst angehängtem Wunsche / daß sie sich bekehren / und statt anderer Vergnügung ein Pfeiffgen Tabac vor ihre gröste Delicatesse mit mir haben mögen. Der geneigte und Tabac=liebende Leser lebe wol / und bleibe gewogen.
Geschrieben in meinem Musæo, d. 1. Apr. 1715
Seinem ergebensten und beständigen Tabacs=Freunde
.

Zum Ende noch ein Apho, der sich in den Apho-Briefen findet:

Man sagt heute gern:
Die Geschichte wiederholt sich nicht.
Und doch tut sie es.
Nur bedient sie sich
(für ihre Neuauflagen)
stets anderer Masken (und Nasen)
Und wählt dazu

immer auch neue Schauplätze,
(Apho Nr. 1260)

Hier noch ein etwas geharnischter Text zu eim anderen, einem echten Ärgernis.

HINWEIS: Am Samstag, den 6. 3. um 20.15 Uhr gibt es im LI-LA Literatur-Laden (Berlin-Charlottenburg) eine interessante Lesung des Berliner Freestyle-Philosophen, bei der auch zwei Texte aus dem Raucher-Club gelesen werden. Einladung im Neue-Spryche-Blogg.

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…ein echter Schildbürgerstreich…

5. November 2009

 

Berlin, Wilmi
Mi, 4. 11. 09

 

Mit dem Übergang zur dunklen Jahreshälfte wird das alberne Rauchverbot wieder unangenehm spürbar. Als ob es nicht schon genug wäre, sich an das trübe und feuchte Wetter, die sinkenden Temperaturen und die immer früher hereinbrechende Nacht gewöhnen zu müssen, was ja allein schon eine größere mentale und physiologische Umstellung bedeutet, die erst mal ohne Depression und Erkältung bewältigt werden will, hält dieser jahreszeitliche Wechsel (jaja, der November macht seim schlechten Ruf alle Ehre und geht heuer gleich in die vollen – Regen, Regen, Regen ) für den Raucher weitere empfindliche Einschränkungen bereit. In fast allen Stätten der Gastlichkeit, abgesehen einmal von den Eckkneipen und Spelunken , gilt er als unerwünscht, dh. er ist so lange gern gesehen, wie er dem neuen Reglement Folge leistet und es hinnimmt, für eine Zigarette wie für ein anderes physisches Bedürfnis auch (hin)auszutreten, an die frische (schön wär’s) jetzt leider naßkalte, mit Regentropfen und ersten Schneeflocken gespickte Luft. Die große Zumutung bei diesem unchristlichen Wetter wie ein räudiger Hund vor die Tür geschickt zu werden, darf nun wieder bis auf den letzten Zug ausgekostet werden mit der Option auf ärgerliche Gedanken wegen dieses Schildbürgerstreichs. Zum normalen Wahnsinn und dem ganz speziellen Irrsinn demnächst ein Buch oder zumindest ein Büchlein; wobei das RAUCHVERBOT einen Ehrenplatz erhalten wird. Der Titel steht bereits fest und wird demnächst verraten. Daß dieser unerquickliche Zustand nicht ewig dauern und dies bevormundende, die Freiheit einschränkende Gesetz vor der Geschichte keinen Bestand haben wird, möchte ich an dieser Stelle schon einmal prognostizieren. Spätestens wenn die Dinge mal wieder großflächig ins Rollen kommen, mit einigen falschen Prämissen abgerechnet und von einigen gefährlichen Lebenslügen Abschied genommen wird, dürfte auch dieser weltfremde Gängelungsversuch Makulatur sein. Die Geschichte des Rauchens und des Tabaks in Europa ist stets von wechselnden Epochen geprägt, in welchen der Tabak entweder anerkannt und gesellschaftsfähig war oder eben übelst verteufelt und die ihm anhingen mehr oder minder von der Obrigkeit verfolgt wurden. In diesem Zusammenhang hier ein Auszug aus eim vergnüglichen (Pro-Raucher) Büchlein von anno dunnemals, genauer von 1715, mit dem unmißverständlichen Titel:

Auserlesene Ergötzlichkeiten vom TABAC

/Worinnen nicht nur Desselben Ursprung / Würckung / medizinischer Nutzen / Annehmlichkeit und Zierde auf ein anmutige Weise in allerhand poetischen und andern aus Berühmter Männer Schrifften gesamleten Gedancken vorgestellet / Sondern auch Desselben Recht / wie es ehemals Von Herrn Heinrich Ernst Kestnern J.U.D. und Prof. Juris ord. Auf der Universität zu Rinteln in Lateinischer Sprach öffentlich verteidiget worden / dargetan wird. Allen seinen Liebhabern zur Vergnügung mitgetheilet von einem beständigen Tabacs=Freunde. Leipzig / Auf Kosten der Compagnie. 1715Aus diesem Büchlein als Facsimile die erste Seite. 

eo_scheinder_Kestner Tobak

Geneigter und Tabac=liebender Leser

 

 

 

 

Über ein anderes, ein furioses Buch hier in eim neuen Beitrag auf eos-o-ton.

…Musikspur: Lionard Cohen – Passing through (Live Songs)…

 

 

‚Wer den Raucher nicht ehrt …‘

7. Januar 2008

Da meine nächste Lesung voll und ganz auf das Bloggthema zugeschnitten ist, möchte ich nicht versäumen, die ausführliche Einladung, die an alle Freunde und Förderer geht, hier im Raucher-Club einzustellen.

LI-LA
Der Literatur-Laden
http://www.eoscheinder.de

~

Liebe Freunde,liebe Leser des Apho-Briefs von Eo,das unsägliche Gesetz zum sogenannten Nichtraucherschutz ist nun auch in Berlin in Kraft getreten und es mutet an wie eine unverhohlene Kampfansage an die Raucher. Denn man will sie, sofern sie auch weiterhin von Zeit zu Zeit zur Zigarette greifen und Rauch absondern, in geschlossenen Räumen nicht mehr dulden. Vor allem nicht an den Orten, wo sie sich bislang besonders heimisch fühlten; nämlich in Cafés und Kneipen. Sie werden also vor die Wahl gestellt und das heißt lapidar entweder man fügt sich und beschließt zukünftig enthaltsam zu leben oder man wird seiner angestammten Heimat beraubt. Ob da der Gesetzgeber in typisch deutscher Gründlichkeit und neuem deutschen Rigorismus nicht doch ein gutes Stückweit über das Ziel hineingeschossen ist ? So zumindest der Eindruck, der sich ergibt, wenn ich im Bekanntenkreis und auf der Straße die Menschen dazu sprechen höre. Und nicht nur Raucher reden so, ebenfalls immer mehr Nichtraucher. Dabei gibt es in anderen Ländern wie in Spanien und Portugal moderatere Lösungen, die dem Wirt je nach Größe des Lokals die Wahl lassen, ob er das Rauchen zuläßt oder verbietet. Als persönlich Betroffener dieser systematischen Ausgrenzung und neuen Form von Diskriminierung habe ich mit Jahresbeginn einen neuen Blogg zum Thema begonnen, für den ich mir viel Beteiligung wünsche; übrigens, über eventuelle Verlinkungen und Empfehlungen würd ich mich freuen. Man sollte sich von Politikern nicht alles bieten lassen, vor allem dann, wenn sie grottenschlechte Politik machen. Dann ist es höchste Zeit, daß mehr aufgeweckte Zeitgenossen politisch werden. Damit sei nun der Bogen zur nächsten Lesung geschlagen, die ganz dem Rauchgenuß, der Raucherlust und dem Raucherfrust gewidmet ist. Die Lesung ist bis auf einige neue eigene Stücke eine Wiederholung des Stimmen zu eim geliebten Laster aus annähernd 400 Jahren.Am Samstag den 12. 1. 08 um 20.15 Uhr

im LI-LA Literatur-Laden

in Berlin-Charlottenburg – Wilmersdorfer Str. 9

Wer den Raucher nicht ehrt,

ist der Tabaksteuer nicht wert.’*

Aus aktuellem Anlaß dh. wegen des Inkrafttretens des sogenannten NRSG (= Nichtraucherschutzgesetz) diesmal ein heiteres Programm zum Thema Rauchen und Genuß, das allerlei Stimmen von prominenten Fürsprechern aus der Literatur und der Geistesgeschichte versammelt; inklusive einiger geharnischter Gegenstimmen.Ein brisantes Thema also, das schon seit Anbeginn, als der Tabak in Europa heimisch wurde, für heftigen Streit sorgt(e). Eo Scheinder liest einen unterhaltsamen Querschnitt aus vier Jahrhunderten – u. a. einige höchst vergnügliche Passagen eines einschlägigen Büchleins von 1715 mit dem hübschen Titel ‚Auserlesene Ergötzlichkeiten vom TABAC ‘ von Heinrich Ernst Kestner. Außerdem viele heitere Gedichte und Verse – von Friedrich von Logau bis Joachim Ringelnatz. Und auch von Jowo Goethe, der ein leidenschaftlicher Gegner allen Tabaksqualms war, wird es neben einigen kurzen Gedichten außerdem die wüste, ausgesprochen derbe Polemik Wider die Schmauchlümmel geben.

* Den Spruch kann man als Schild (neben weiteren witzigen Motiven) im LI-LA Literatur-Laden zum Preis von 1,50 Euro erwerben.Sie und Ihre Freunde sind herzlich eingeladen.

Eintritt: 4 Euro,

erm. : 3 Euro.

Kartenvorbestellung:

Email: autor@eoscheinder.de

oder Tel. 030 / 344 45 59

Nächste Lesung voraussichtlich in drei Wochen; Thema wird wieder einmal Nietzsche – ‘Menschliches, Allzumenschliches’ sein

herzliche Grüße

Ihr

Eo Scheinder

PS: Wer Interesse am Formulieren und Fabulieren hat; dem sei der Schreibkurs KREATIVES SCHREIBEN hier im LI-LA Literatur-Laden empfohlen, der Mitte Februar wieder neu beginnen wird.